Sozialismus: Wie Kinder aufwachsen könnten
[Druckversion] Thema: Warum Sozialismus?, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 60, veröffentlicht: 26.08.2007
„Das ewige Kind“ wird Mozart genannt. Picasso hat ein Leben lang
gebraucht, um zu lernen, wie ein Kind zu malen. Und Einstein sagte von
sich, er habe die Relativitätstheorie entdeckt, da er so lange Kind
geblieben sei. Länger als andere konnte er sich über Raum und Zeit
wundern.
von Kim Opgenoorth, Köln
Kinder sind von Geburt an kleine Entdecker und große Künstler. Sie haben
Forschergeist, Schöpferdrang und können das Staunen in vollen Zügen
genießen. Dieses Potenzial wird bei den allermeisten Kindern leider
abgewürgt.
Der Lebensalltag zwischen chronischem Zeitmangel der Erwachsenen und
ständigen Gefahrenquellen lässt es nicht zu, dass Kinder sich voll
entfalten. Obwohl Regierung und Kapital wissen, dass ihnen die miserable
frühkindliche Bildung Probleme bereiten wird, können sie nicht einmal
Grundbedingungen bereitstellen: Platz zum Bewegen, Spielen und Lernen;
Fachpersonal; Schutz vor Gewalt und Verwahrlosung. Bewegungsmangel,
Umweltgifte und andere negative Einwirkungen führen zu ADS
(Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), Essstörungen und Lernschwächen.
Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit fördern Schulangst und
Verrohung. Vereinsamung und Anonymität sind die Folgen dieses
Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.
Laut einer aktuellen Unicef-Studie nehmen sich über die Hälfte der
deutschen Eltern keine Zeit, um mit ihren Kindern zu reden. Gestresste
Eltern erzeugen gestresste Kinder. Damit Kinder eine Bereicherung und
keine Belastung sind, brauchen Eltern beziehungsweise die Bezugspersonen
von Kindern mehr frei verfügbare Zeit, Zeit für sich selbst und Zeit,
die sie gemeinsam mit ihren Kindern verbringen können.
Arbeitszeit
In einer sozialistischen Demokratie kann die Arbeitszeit schnell auf 30,
25, 20 Stunden reduziert werden. Die Konzerne sind in Gemeineigentum
überführt. Die Wirtschaft wird demokratisch, nicht bürokratisch – wie in
den stalinistischen Staaten Osteuropas früher - geplant. Die Arbeit wird
auf alle verteilt. Arbeitshetze, Überstunden und Erwerbslosigkeit
gehören der Vergangenheit an. Technische Neuerungen werden nicht
eingesetzt, um Beschäftigte zu entlassen und auf diesem Weg die Profite
zu steigern, sondern die Belastung aller zu minimieren. Motivation und
Arbeitsproduktivität werden enorm steigen, da sich alle einbringen
können, Leitungen gewählt und abgewählt werden.
Der von allen erarbeitete Reichtum fließt nicht in private Taschen,
sondern wird in Bildung und Gesundheit investiert. Wissenschaftler und
Physiker sind nicht mehr im Rüstungsbereich gebunden, sondern können
sich den drängenden Umweltproblemen und anderen Fragen widmen.
Kinderbetreuung
Da Kinder am besten von Kindern lernen, werden Krippen- und
Kindergartenplätze mit Hochdruck ausgebaut, bis jede und jeder einen
Platz bekommen kann. Es wird Wert auf eine hohe Qualität der
Kinderbetreuung gelegt.
Der Personalschlüssel könnte von 1:10 auf 1:4 beziehungsweise auf einen
Schlüssel, der als sinnvoll erachtet wird, aufgestockt werden.
Krankheit, Urlaub, Fortbildung sind jedenfalls fest eingeplant, so dass
nicht, wie heute regelmäßig üblich, eine Erzieherin mit 25 Kindern
alleine da steht. Der Beruf der ErzieherInnen wird als eine der
wichtigsten Aufgaben in der neuen Gesellschaft hoch geschätzt und ihre
Arbeit von Fachleuten, KünstlerInnen und Handwerkern unterstützt.
Kinder werden in den Kitas (und in den Schulen) nicht nur mit dem
gleichen Jahrgang zusammengesteckt. Sie können von Älteren viel
mitbekommen (ein Grund, warum sich jüngere Geschwister heute oft
schneller entwickeln) und sie geben gern eigene Kenntnisse an Jüngere
weiter und wachsen daran selber. Auch Kinder mit Behinderungen gehören
zu den Kita-Gruppen und werden nicht abgeschottet.
Das Programm (und später der Schulunterricht) wird nach den Interessen
und Wünschen der Kinder ausgerichtet – und nicht von der „Wirtschaft“
diktiert. Mittels demokratischer Strukturen können auch Kinder an
Diskussion und Entscheidungsfindung beteiligt sein, ebenso wie Eltern,
Pädagogen, aber auch VertreterInnen der Gesellschaft außerhalb der
Betreuungseinrichtungen.
Die Räumlichkeiten in Kitas (und Schulen) sind großzügig und
lichtdurchflutet angelegt. Sie werden als Treffpunkt für Eltern,
Großeltern, Freunde und Nachbarschaft genutzt. Es gibt gemütliche
Sitzecken zum Plaudern und viel Ausstellungsraum mit Dokumentationen und
Kunstwerken jeglicher Art. Theater- und Filmvorführungen finden
regelmäßig statt.
Spiel und Arbeit
Kinder werden nicht mehr auf einfaltslose Spielplätze mit Rutsche,
Wippe, Schaukel abgeschoben oder zu künstlichen Kinder-Events gekarrt,
während der Rest der Welt für sie tabu ist.
In den Stadtvierteln werden immer weniger Autos fahren. Es wird
autofreie Zonen geben, in denen Kinder sich frei bewegen können. Es gibt
überall Parks und Freiflächen oder große Abenteuerspielplätze, mit
Wasserbahnen, Sport- und Baugeräten, Tieren und Cafes, die auch für
Erwachsene interessant gestaltet sind.
Genügend Schwimmbäder und Büchereien sind vorhanden und haben
vernünftige Öffnungszeiten. Es gibt Kunstateliers, Klang- und
Musizierräume, Forschungslabore und gut ausgestattete Werkstätten, die
für Jung und Alt zugänglich sind. Fachleute bieten jederzeit
Hilfestellung. Fernsehen spielt keine große Rolle mehr, da es draußen
spannender ist.
Die Erwachsenen nehmen an der Kinderwelt teil, die Kinder haben Zugang
zum Erwachsenen-Alltag. In den Betrieben sind sie willkommen. Sie dürfen
sich alles genau ansehen und ihrem Alter und ihren Interessen
entsprechend „mitarbeiten“. Kleine Kinder wollen sich nützlich machen,
sie wollen in die Aktivitäten der Großen einbezogen werden. Einer der
häufigsten Konfliktpunkte mit Zweijährigen ist heute, dass ihnen das in
der jetzigen Gesellschaft immer wieder verboten wird.
Wohnen und Leben
Die Architekten sind aufgefordert, neue Wohnmodelle zu entwickeln:
mehrere Generationen unter einem Dach, Familien-Wohngemeinschaften und
so weiter. Bestehende Häuser werden umgebaut mit zum Beispiel einem
Spielzimmer für mehrere Kinder im Haus, Gemeinschafts-Wohnküchen,
Bibliotheken, Medienzimmer oder Partykeller mit gemeinsamen Gärten und
Innenhöfen. Die Verschwendung von Arbeitskraft und Umweltressourcen in
Kleinsthaushalten mit Trockner, Wasch- und Spülmaschinen, täglicher
Küche und Einkaufsschlepperei wird ganz schnell eingedämmt werden.
Bei der Städteplanung geben Kinder den Ton an. Der öffentliche
Nahverkehr ist kostenlos und sehr gut ausgebaut. Busse und Bahnen haben
genügend Stauraum, damit man sein Fahrrad, seinen Roller oder einen
Grill mitnehmen kann, und fahren häufig und in die entlegensten Winkel.
Erziehung
In Erziehungsfragen setzt eine öffentliche Debatte ein, über den besten
Weg, um Kinder zu eigenständigen, selbstbewussten und
gemeinschaftsfähigen Menschen aufwachsen zu lassen. Das Recht von
Kindern auf körperliche und seelische Unversehrtheit wird ernst genommen
und in die Praxis umgesetzt. Kinder werden nicht als Privatsache
angesehen und Eltern mit schwierigen Fragen nicht alleine gelassen.
Die Unsicherheiten beim ersten Kind werden geringer ausfallen, da das
Leben mit und ohne Kindern nicht in zwei voneinander getrennten Welten
stattfindet. Säuglingsstationen in den Stadtteilen helfen bei der
Babypflege und lassen Eltern Schlaf nachholen.
Statt Super-Nanny im TV werden in den Medien öffentliche Diskussionen
über verschiedene pädagogische Ansätze geführt. Neueste
wissenschaftliche Erkenntnisse fließen in die Arbeit ein. Vor Ort wird
die Arbeit von Eltern, Bezugspersonen und ErzieherInnen ausgewertet und
ständig weiterentwickelt.
Da alle gewohnt sind, mit Kindern umzugehen, werden sie nicht nur als
Nervensägen und Quälgeister wahrgenommen, sondern ihre Bedürfnisse ernst
genommen. Die Kinder werden, da sie respektvoll behandelt werden,
ihrerseits Rücksicht nehmen.
Erziehung wird als Gemeinschaftsaufgabe angesehen. Im Vordergrund steht
ein positives Bild vom Kind und der Wunsch, auf die verschiedenen
Entwicklungsstufen eines jedes Kindes angemessen eingehen zu können.
Die so genannte Reformpädagogik, wie Montessori oder die
Reggio-Pädagogik, zeigt heute teilweise erstaunliche Ergebnisse auf.
Trotzdem sind diese Ansätze im Kapitalismus nur sehr begrenzt umzusetzen
und einige fortschrittliche Ideen als Insel-Lösungen zu unsinnigen
Dogmen erstarrt. Diese Ansätze sind ursprünglich davon ausgegangen, dass
auch die Erwachsenenwelt verändert werden muss.
Hinzu kommt, dass das Ziel einer kapitalistischen Wirtschaft und ihres
Staates nicht darin besteht, kritisches, unabhängiges Denken zu fördern,
und damit seine eigene Autoritäten und Hierarchien zu untergraben. Immer
noch sind Disziplin, Gehorsam und Unterwürfigkeit wichtige
Voraussetzungen für das Funktionieren dieser undemokratischen
Produktionsweise.
Beziehungen
In einer sozialistischen Gesellschaft werden Mütter von unnötiger
Mehrfachbelastung befreit. Väter dürfen Väter sein, anstatt ihre Kinder
nur beim Abendessen zu sehen. Die Partnerschaften basieren auf Sympathie
und nicht darauf, ein Haus abzahlen zu müssen. Sie sind ehrlicher und
entspannter. Kinder dienen nicht der Selbstverwirklichung der Eltern und
sind auch nicht ihr Privateigentum.
Alle leben in größeren Zusammenhängen, statt der Kleinfamilie werden
neue und vielfältigere Formen des Zusammenlebens gefunden. Kinder haben
mehrere Bezugspersonen und können sich frei aussuchen, mit wem sie was
besprechen möchten. Die Fixierung und Abhängigkeit von zwei, öfter noch
nur einem Erwachsenen ist aufgehoben.
Die Menschen werden sich radikal ändern
Von einer kindgerechten Umgebung profitieren alle. Die Erwachsenen
werden im Sozialismus ihre Phantasie und Kreativität wieder entdecken.
Sie werden staunen, Fragen stellen und sich Zeit für kleine Dinge nehmen.
Wer unbekümmert seinen Begabungen und Leidenschaften nachgehen kann, ist
zu ganz anderen Leistungen fähig. Es wird ein friedliches, entspanntes
Klima und geniale Neu-Entdeckungen in Wissenschaft und Forschung geben.
Ohne Existenzsorgen und den nichtigen, täglichen Aufgaben wird das
Mensch-Sein auf eine neue Stufe gehoben.
Kinder, die in ihrer Kindheit mit Respekt und Achtung behandelt werden,
werden sich zu ausgeglichenen, selbstbewussten Persönlichkeiten
entwickeln, die ihre Fähigkeiten gerne der Gemeinschaft zu Gute kommen
lassen möchten.
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