Bahn: LokführerInnen auf dem richtigen Weg - JA zum Streik
[Druckversion] Thema: Bahn für alle statt Börsenwahn!, veröffentlicht: 25.07.2007
Die Lohnrunde 2007 ist bei der Deutschen Bahn noch nicht vorbei. Zwar
haben Anfang Juli die Gewerkschaften Transnet und GDBA einen Abschluss
mit der Bahn erreicht, doch fordert die Gewerkschaft Deutscher
Lokomotivführer (GDL) mehr.
Das von GDBA und Transnet erzielte Ergebnis von 4,5 Prozent mehr Lohn,
einer Sonderzahlung von 600 Euro in diesem Jahr bei 19 Monaten Laufzeit
wird von der GDL abgelehnt. Die GDL verlangt unter anderem ein
Einstiegsgehalt von 2.500 Euro brutto für LokführerInnen statt bisher
1.970 Euro. Zugbegleiter sollen 2.180 statt 1.775 Euro bekommen.
Außerdem soll die Arbeitszeit um eine Stunde verkürzt werden.
von Eckhard Geitz, Kassel und Sascha Stancic, Berlin
Bürgerliche Medien und der Bahnvorstand überschlagen sich in
geheuchelter Empörung über die Forderungen der GDL. Unrealistisch, zu
hoch, geschäftsschädigend für die Bahn - das ist die Argumentation vom
Bahnmanagement und der Berichterstattung in TV, Radio und Zeitungen.
Spaltung, Gefährdung der Tarifautonomie und das Anstreben einer
Sonderstellung für Priviligierte - das ist der Vorwurf seitens Transnet,
GDBA und DGB.
Sieht man sich die Forderungen der GDL genauer an, wird allerdings
deutlich, dass selbst die viel strapazierte Zahl von 31 Prozent
Lohnerhöhung, die angeblich gefordert werden, nicht stimmt. Die GDL
schlägt in ihren Forderungen selber eine Verrechnung des Grundgehalts
mit gewissen Zuschlägen vor, so dass die höchste mögliche Lohnerhöhung
auf 21 Prozent käme.
Sieht man sich den Bruttolohn an, den LokomotivführerInnen momentan
erhalten können, wenn alle Zuschläge einberechnet werden und sie das
ganze Leben gearbeitet hätten, wird deutlich, dass diese Forderungen
mehr als berechtigt sind. Das geforderte Einstiegsgehalt von 2.500 Euro
ist alles andere als maßlos. Insbesondere wenn man die hohe
Verantwortung, die flexiblen Arbeitszeiten und die hohe psychische
Belastung - jedeR LokführerIn muss im Berufsleben die Erfahrung mit
SelbstmörderInnen auf den Gleisen machen - denkt, ist das deutlich.
Hinzu kommen die Rekordgewinne der Bahn und die Spitzengehälter der
Bahn-Manager: Bahnchef Mehdorn bezog 2006 aus seiner Vorstandstätigkeit
3,185 Millionen Euro. Pro Tag ist das also circa dreimal mehr Geld als
das geforderte Lokomotivführergehalt pro Monat. Und das war nicht immer
so: während die Manager Verzicht predigen, wurden die Jahresgehälter der
acht Top-Manager bei der Bahn zwischen 1999 und 2005 von 3,7 Millionen
Euro auf 14,7 Millionen Euro erhöht. Das ist eine Erhöhung von knapp 400
Prozent!
Getrennte Wege
Die GDL organisiert mittlerweile achtzig Prozent der
LokomotivführerInnen und circa dreißig Prozent der ZugbegleiterInnen.
Diese "Spaltung" der Bahnbeschäftigten, also die Abkehr dieser
KollegInnen von der DGB-Gewerkschaft Transnet (früher GdED) hat vor
allem einen Grund: Das bedingungslose Co-Management der
Transnet-Führung. Diese gebärdet sich in der Regel, als wäre sie
Sprachrohr Mehdorns und nicht Vertretung der Beschäftigten. Es ist
nachvollziehbar, dass sich immer mehr KollegInnen von Transnet nicht
mehr vertreten fühlen und auf die Suche nach einer Alternative gehen. In
der aktuellen Situation ist es nicht abstrakte Einheit der
Gewerkschaften, die zu besseren Tarifergebnissen führt, weil die
Transnet-Führung die Kontrolle über die Tarifauseinandersetzung behält.
Es ist der Kampf der LokführerInnen in der GDL, der einen tatsächlichen
Beitrag zur Verbesserung der Lage der Beschäftigten leisten kann. Er
muss deshalb von allen GewerkschafterInnen und Linken unterstützt
werden, nicht zuletzt weil er auch Druck auf die Transnet-Führung
ausübt. Die DGB-Führung muss unter Druck gesetzt werden, den Streik zu
unterstützen, statt ihn zu bekämpfen.
Privatisierung der Bahn
Erst am 11. Juli wurde der Co-Managementkurs beim
Transnet-Gewerkschaftstag in einer Pressemitteilung bestätigt: “TRANSNET
hat ihre Forderungen zur geplanten Kapitalprivatisierung der DB AG
bekräftigt“.
Für arbeitgeberfreundliche Positionen hat die Transnet mit der GDBA
genau den richtigen Partner für ihre gemeinsame Tarifunion.
Der schon seit Jahren verfolgte Privatisierungskurs wurde von der
Transnet-Führung auch gegenüber innergewerkschaftlichen Kritikern des
Börsengangs knallhart durchgesetzt. So wurden zum Beispiel KollegInnen
der Berliner S-Bahn aufgefordert Resolutionen zurückzunehmen, die den
Börsengang ablehnen und den Verbleib der Bahn in öffentlicher Hand
fordern. Wortführer der Kritiker in Transnet sollten mit
Ausschlussverfahren zur Ruhe gebracht werden.
Doch auch die GDL hat zur Privatisierung der Bahn keine klar ablehnende
Haltung. Auf ihrer Webseite findet sich dazu folgende Positionierung:
"Netz der Deutschen Bahn muss beim Bund bleiben!
Für die GDL ist die Deutsche Bahn derzeit nicht börsenfähig. Sollte der
Börsengang dennoch vom Eigentümer Bund beschlossen werden, so muss das
Netz aus dem Konzern herausgelöst werden und in der Verfügungsgewalt des
Bundes verbleiben. Im Falle eines Börsengangs mit Netz wäre dieses sonst
den Renditeerwartungen der Investoren ausgesetzt. Somit ist davon
auszugehen, dass Strecken stillgelegt werden, wenn sie nicht den
erhofften Gewinn abwerfen."
Ihr Vorsitzender Manfred Schell stimmte zwar 1993/94 im Bundestag gegen
die Privatisierung. Aber allein die Tatsache, dass er dort für die CDU
saß, lässt an seiner konsequenten Haltung in Fragen der Verteidigung von
Arbeitnehmer-Interessen zweifeln.
Statt sich auf die Ablehnung der Privatisierung des Schienen-Netzes zu
beschränken, sollte die GDL die Chance nutzen und den Kampf für höhere
Löhne mit dem Kampf gegen die Privatisierung der Bahn verbinden. Dies
würde die, ohnehin vorhandene, Symapthie in der Bevölkerung erhöhen.
Denn viele Menschen befürchten nach einer Privatisierung zu Recht
Verhältnisse, wie im britischen Schienenverkehr.
Wohin geht die Reise?
Der Verhandlungsabbruch zwischen der Bahn und der GDL hat die Weichen in
Richtung Streik gestellt. Ob der Zug in diese Richtung tatsächlich
abfährt ist allerdings noch nicht endgültig ausgemacht. Das
Bahn-Management, die Regierung und alle Kapitalisten sind in größter
Sorge vor den Auswirkungen eines Streiks und wollen ihn mit allen
Mitteln verhindern. Nicht nur aufgrund der wirtschaftlichen Folgen, also
der Gewinnverluste. Vor allem auch, weil ein offensiver Streik der
Lokomotivführer die neoliberale Verzichtslogik in Frage stellt und einen
Beispielcharakter für Beschäftigte anderer Branchen haben würde. Hinzu
kommt, dass die Lokfüherer in einer guten Ausgangsposition sind. Es
herrscht Arbeitskräftemangel in diesem Bereich, unter anderem weil eine
steigende Zahl deutscher LokführerInnen in den letzten Jahren den Weg
ins Ausland gegangen sind, um in Österreich oder in der Schweiz zu
besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen zu arbeiten.
Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der Bahn-Vorstand ein neues
Angebot einer Besserstellung der LokführerInnen in dem mit Transnet und
GDBA ausgehandelten Tarifvertrag vorlegen wird.
Transnet-Chef Hansen will dies offensichtlich verhindern. Bizarrerweise
stellt er sich an die Seite Mehdorns und fordert ihn auf hart zu
bleiben, nur um kurze Zeit später zu drohen, Transnet werde
möglicherweise ihren Co-Management- und Pro-Privatisierungskurs ändern,
wenn die GDL mit ihren Forderungen durchkomme.
GDL-AktivistInnen sollten offensiv den Basis-Mitgliedern von Transnet
eine Zusammenarbeit anbieten und deutlich machen, dass sie keine
Privilegien für LokführerInnen und ZugbegleiterInnen will, sondern Löhne
und Arbeitsbedingungen für alle Bahnbeschäftigten verbessert sehen will
und eine Einheit im Kampf erreichen will. So wäre der Druck auf Mehdorn
und Hansen zu maximieren und praktische Solidarität zu mobilisieren.
Transnet-LokführerInnen sollten aufgefordert werden, sich an dem Streik
zu beteiligen statt Streikbruch zu begehen, wie es nach Berichten bei
den Warnstreiks vor kam. Gleichzeitig muss sicher gestellt werden, dass
die GDL-Führung keinem Angebot der Unternehmensleitung für einen faulen
Kompromiss annimmt. Die Angst der Boss vor dem Streik ist so groß, weil
sie wissen, dass die LokführerInnen gewinnen können! Deshalb darf auf
den Einsatz der ganzen Kampfkraft zur Durchsetzung eines bestmöglichen
Ergebnisses nicht verzichtet werden!
Die Urabstimmung wird zwei Wochen dauern, da sie postalisch durchgeführt
werden muss, weil das Bahnmanagement der GDL keine Räumlichkeiten für
die Abstimmung zur Verfügung stellt. Diese Zeit sollte genutzt werden,
um in der Öffentlichkeit und in anderen Gewerkschaften Solidarität für
die LokführerInnen zu mobilisieren. Dabei könnte auch die Partei DIE
LINKE und deren Bundestagsfraktion eine Rolle spielen. Eine offensive
Solidaritätskampagne für die LokführerInnen in Verbindung mit der
Opposition gegen die Bahnprivatisierung wäre ein wichtiger Beitrag für
einen Erfolg des anstehenden Streiks. Ein Sieg der GDL wäre ein Sieg für
alle GewerkschafterInnen und abhängig Beschäftigten. Er wäre ein
wichtiges Signal: Sich zu erkämpfen, was einem zusteht und auf faule
Kompromissvorschläge kompromisslos zu reagieren - das könnte auch für
die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die dem Tarifstreit 2008
entgegengehen, eine motivierende Wirkung haben.
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