Eine kritische Bilanz des Telekom-Streiks
[Druckversion] Thema: Telekom re-verstaatlichen statt zerschlagen!, veröffentlicht: 23.07.2007
Das Telekom-Management, die Presse und obendrein die ver.di-Spitze
verkaufen den Abschluss bei der Telekom wie das Ende einer normalen
Tarifrunde, bei der „beide Seiten Federn lassen mussten“. In
Wirklichkeit hat die Führung einer der größten Gewerkschaften der Welt
beispiellos kapituliert.
ver.di hat den Chefetagen und der Regierung erneut signalisiert: Wir
lassen uns erpressen. Die Beschäftigten bezahlen dies mit massiven
materiellen Verschlechterungen und der Vernichtung von Zehntausenden von
Arbeitsplätzen. Die Telekom bekommt durch den Abschluss neue Hebel für
Erpressungen und die Zerschlagung des Konzerns. Für die unvermeidlichen
künftigen Auseinandersetzungen bei der Telekom verschlechtern sich die
Kampfbedingungen für die Beschäftigten enorm. Andere Unternehmer werden
dem Beispiel Telekom folgen. Und das schlimmste an allem: Die
ver.di-Führung redet den Abschluss auch noch schön und verkauft diese
herbe Niederlage ihren Mitgliedern als Erfolg.
von Ursel Beck, gewerkschaftspolitische Sprecherin der SAV
Ein neues, alarmierendes Kapitel in der Tarifgeschichte ist
aufgeschlagen. Die ver.di-Führung lässt es zu, dass in einem Großbetrieb
mit Rekordgewinnen und einem Organisationsgrad von 70 Prozent erkämpfte
tarifliche Standards auf einen Schlag vernichtet werden. 6,5 Prozent
Gehaltskürzung, eine unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit um vier
Stunden in der Woche, Samstag als Regelarbeitstag, variable Bezahlung
und Armutslöhne für Neueingestellte. Das sind die Kernpunkte des
Tarifabschlusses bei der Telekom. Das ist aber noch lange nicht alles.
Um alle Fallstricke in dem 70 Seiten umfassenden Tarifabschluss zu
erfassen, müsste man Tarifexperte sein. Wenn Personalchef Sattelberger
sagt, die Telekom hätte den Zielkorridor von 500 bis 900 Millionen
„ordentlich erreicht“, dann spricht das Bände über das Ausmaß der
Verschlechterungen.
30 Prozent Lohnverzicht
„Es wird keinen Eingriff ins Portemonnaie der Beschäftigten geben“. Das
behauptet Lothar Schröder in der Pressemitteilung vom 21.06.07 und
belügt damit die Beschäftigten. Im sogenannten „Beschäftigungsbündnis
2004“ wurde den Tarifbeschäftigten der Telekom für vier Stunden weniger
Arbeit der Lohn um effektiv 6,5 Prozent gekürzt. Ausgehend von diesem
abgesenkten Niveau, soll es nach dem neuen Abschluss noch mal 6,5
Prozent weniger geben. Die unbezahlte Verlängerung der Wochenarbeitszeit
um 4 Stunden ist nach ver.di-Angaben eine Lohnkürzung von 11,76 Prozent.
Seit 2004 summieren sich die Gehaltskürzungen damit auf 25 Prozent.
Berücksichtigt man, dass es 2006 bei einer verlängerten Laufzeit nur
2,25 Prozent Lohnerhöhung gab und diese auch noch durch den Wegfall von
bezahlten Bildschirm- und Wegezeiten gegenfinanziert wurden, haben die
Beschäftigten bei einer jährlichen Inflationsrate von 2 Prozent noch mal
mindestens 4 Prozent Verlust. Für 2007 und 2008 wird es für niemand bei
der Telekom eine Lohnerhöhung geben. Bei einer Inflationsrate von 2
Prozent fehlen noch mal vier Prozent im Geldbeutel. Die vorübergehenden
Ausgleichszahlungen decken in keinem Fall die Lohnkürzungen aus und
werden finanziert durch den Verzicht auf eine Lohnerhöhung aller
Telekomler in den Jahren 2007 und 2008. Den Beamten soll noch dieses
Jahr die Sonderzahlung (2,5 Prozent des Bruttojahresgehaltes) gestrichen
werden. Das ist eine direkte Besoldungskürzung.
Zeit ist Geld. Das heißt die unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit ist
auch eine Lohnkürzung. Die Sachbearbeiterin im Vertrieb,
Djordjevic-Stankov, die ver.di in verschiedenen Publikationen
porträtierte, sagte, sie habe sich den Buckel krumm gearbeitet und gehe
mit 1.050 netto im Monat nach Hause. „Das reiche gerade so, um mit ihrem
Sohn über die Runden zu kommen.“ Wie soll sie nach diesem Abschluss über
die Runden kommen? Wer kümmert sich um ihren 10-jährigen Sohn, wenn sie
künftig samstags arbeiten muss? Die Antwort darauf bleiben Schröder und
Wilhelm schuldig?
„Das Jahr 2007 wird zum Jahr der Lohnerhöhungen. Die IG Metall hat
ihre Forderung – 6,5 Prozent – auf den Tisch gelegt, die IG Bergbau,
Chemie und Energie strebt einen Abschluss bei 4,5 Prozent an...Der
Lebensstandard der Beschäftigten in der Bundesrepublik ist in den
letzten Jahren deutlich gesunken. Gleichzeitig haben die Gewinn- und
Vermögenseinkommen seit 2000 um 40 Prozent zugelegt. „Diese
Ungerechtigkeit schreit zum Himmel und ruiniert den Aufschwung“, schrieb
der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske in der BILD am Sonntag.“
ver.di publik Jan/Feb 2007
„Es wird mit uns keine Entgeltabsenkung geben. Das sind wir sehr
eindeutig“.
ver.di-Vorstand Lothar Schräder gegenüber der Stuttgarter Zeitung am
11.05.07
Variabilisierung
Bereits in der Vergangenheit hat ver.di in einigen Telekom-Betrieben
erfolgsabhängige Bezahlung eingeführt. In einem Strategiepapier des
Fachbereichs 9 wird dies sogar positiv als „Schrittmacherrolle“
verkauft. Bei den T-Punkten haben die KollegInnen ein Bruttogehalt von
1.700 Euro, davon sind 30 Prozent erfolgsabhängig. Die Ziellatte für den
„Erfolg“ ist so hoch gehängt, dass sie kaum jemand erreichen kann und
die Mehrheit der Verkäufer mit viel weniger als brutto 1.700 Euro nach
Hause gehen muss. Das wird in den Service-Gesellschaften genauso laufen.
Bei der T-Com gibt es bereits 7 Prozent erfolgsabhängige Bezahlung. Sie
soll jetzt auf 15 bis 20 Prozent angehoben werden. Eine Unterschreitung
der verlangten Calls in den Call-Centern führt sofort zu Lohneinbußen.
Für andere KollegInnen soll eine termingerechte Bereitstellung bzw.
Erledigung von Aufträgen und/oder die Kundenzufriedenheit ein Kriterium
werden, von dem der Lohn abhängt. Die Termine werden ihnen von oben
gesetzt. Erreicht werden soll, dass sich KollegInnen gegenseitig unter
Druck setzen. Der Druck mehr zu leisten, führt schnell dazu, dass die
Latte für alle immer höher gesetzt wird und die Beschäftigten gnadenlos
ausgebeutet werden. Kranksein kann sich keiner mehr leisten. Ein Teil
des erfolgsabhängigen Lohns ist sogar vom Gewinn abhängig. Das heißt er
ist abhängig von einer Größe, die die Beschäftigten nicht beeinflußen
können. Die Auslieferung des Lohns an bestimmte Ergebnisse bzw. die
Gewinnschwankungen und -manipulationen und nicht zuletzt an das
Missmanagement der Unternehmen ist ein fundamentaler Bruch der
Gewerkschaftsführung mit den bisherigen Grundsätzen von Tarifpolitik.
Berücksichtigt man, dass bei Nichterreichung der verlangten Ziele der
Lohn bis zu 20 Prozent weniger sein kann, hat die Telekom im Vergleich
zu 2004 eine Lohnsenkung von 50 Prozent durchgesetzt.
Armutslöhne für Neueingestellte
Für die 4.150 Kolleginnen und Kollegen, die neu eingestellt werden
sollen, werden die Löhne um 30 Prozent auf 21.400 bis 23.200 Euro
Jahresgehalt oder 1.783 bis 1.930 Euro brutto Monatslohn gesenkt. Davon
sind ebenfalls 15 bis 20 Prozent erfolgsabhängig. Das heißt der
tariflich gesicherte Lohn sinkt bis auf 17.120 Euro im Jahr oder 1.427
Euro im Monat. Oder anders ausgedrückt, die Telekom hat sich auch hier –
ausgehend vom jetzigen Tarifniveau - mit einer Lohnabsenkung von 50
Prozent durchgesetzt. Berechnet man die unbezahlte Verlängerung der
Arbeitszeit mit ein sind es sogar mehr als 60 Prozent. Die Telekom hat
also erreicht was sie wollte. Die Behauptung der ver.di-Führung man
hätte Dumpingbedingungen und Niedriglöhne abgewehrt ist eine glatte Lüge.
Telekom-Gewinn 2006
EBITDA (Gewinn vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen): 19,4 Milliarden
Euro
Abzüglich Abschreibungen (Bezahlung des Anlagevermögens der
Investoren: 11 Milliarden Euro
Zinsen für Schulden an Finanzmärkte (Banken, Anleger): 2,7 Milliarden
Euro
Abfindungen für die 32.000 Beschäftigten, die bis
Ende 2008 abgebaut werden sollen: 3,1 Milliarden Euro
Dividende an die Aktionäre: 3,2 Milliarden
D.h. diejenigen, die nichts arbeiten, sondern nur ihr Geld anlegen,
haben aus den Telekom-Beschäftigten 16,9 Milliarden herausgezogen.
Langzeitkonten = unverzinster Kredit
Keine Bank würde der Telekom einen Kredit geben, ohne dafür Zinsen zu
kassieren. Die ver.di-Führung vereinbart aber, dass künftig bis zu 100
Arbeitsstunden pro Jahr auf ein Langzeitkonto gehen. Das ist nichts
anderes als ein zinsloser Kredit der Beschäftigten an die Telekom. Für
die Beschäftigten wirkt es erst mal wie eine Kürzung des Monatslohns.
Das gleiche gilt für erfolgsabhängige Lohnbestandteile, die erst
ausbezahlt werden, wenn der Erfolg nachgewiesen ist. Wer sich in der
Zwischenzeit mit einem Dispo oder einem anderen Kredit über Wasser
halten muss, bezahlt dafür mit einem zweistelligen Zinssatz.
Arbeitszeitverlängerung vernichtet Arbeitsplätze
Die unbezahlteVerkürzung der Arbeitszeit wurde von der ver.di-Führung
2004 als Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen verkauft. In
Wirklichkeit ging der Arbeitsplatzabbau weiter. Manche KollegInnen mögen
sich in der Hoffnung wiegen, dass die Arbeitsverdichtung durch vier
Stunden Mehrarbeit wieder auf ein erträgliches Maß zurückgeführt wird.
Aber Obermann und Sattelberger werden jede Minute
Arbeitszeitverlängerung in Stellenabbau umrechnen. Rein rechnerisch
führen vier Stunden Mehrarbeit von 50.000 Beschäftigten zum Wegfall von
mehr als 5.000 Stellen. Den verbeamteten KollegInnen droht weiter eine
Arbeitszeitverlängerung auf 41 Stunden in der Woche. Die Telekom
verpflichtet sich in dem Tarifvertrag lediglich auf den Gesetzgeber
einzuwirken eine Wochenarbeitszeit „von 38 Wochenstunden über eine
gesetzliche Regelung zu verfolgen“. Wenn der Gesetzgeber aber anders
entscheidet, wird das Obermann und Co. nur recht sein.
Die Abhängigkeit des Lohns von bestimmten Zielen baut einen ungeheueren
Druck auf die KollegInnen auf. Daraus folgt eine Produktivitätserhöhung,
die genutzt werden wird, weitere Stellen abzubauen. Seit der
Privatisierung hat die Telekom im Durchschnitt jedes Jahr 10.000
Arbeitsplätze vernichtet. Nun kann der Druck noch erhöht werden,
besonders die älteren und „teueren“ Beschäftigten aus dem Unternehmen zu
drängen.
Kündigungsschutz?
„Die Arbeitsplätze bei T-Service sind bis zum 31. Dezember 2012
gesichert“. So verkündet Lothar Schröder weiter in der Pressemitteilung
vom 21.06.07. Das Gegenteil ist der Fall.
Der Abbau der restlichen 8.000 Stellen aus dem Plan von 2006 bis 2008
insgesamt 32.000 Stellen abzubauen, wird von der ver.di-Führung nicht
mehr in Frage gestellt. D.h. ver.di akzeptiert eine
Arbeitplatzvernichtung, die der Schließung aller Opel-Werke in
Deutschland oder des ganzen Daimler-Werks in Sindelfingen gleichkommt.
Zudem verkauft die Gewerkschaftsspitze den Ausschluss von
betriebsbedingten Kündigungen bis 2012 und den Verkaufsschutz bis 2010
als Erfolg. Selbst diese Zusage ist noch nicht mal das Papier wert auf
dem sie gedruckt sind. Alles was die Telekom an „Gegenleistungen“ in der
Vergangenheit zugesichert hat, waren leere Versprechungen, die sobald
wie möglich gebrochen wurden. So war es beim „Beschäftigungsbündnis
2004“, so war es bei der Fremdvergabe, so war es beim T-Mobile-Abschluss
2006. „Der geplante Personalabbau wird auf freiwillige Maßnahmen
beschränkt“. So heißt es in dem ver.di-Flugblatt zum Abschluss. Wie
freiwillig das ist, liest sich in dem Tarifabschluss unter Punkt G wie
folgt:
„In den Telekom-Service-Gesellschaften notwendig werdende
Personalanpassungsmaßnahmen werden unter Anwendung der bekannten und neu
zu entwickelnden Instrumente auf Basis beiderseitiger Freiwilligkeit
durchgeführt....Die ausgewählten Mitarbeiter werden von ihrem
Arbeitsplatz in eine organisatorisch abgegrenzte Einheit...überstellt“.
Das verhasste Clearing geht also weiter und wird durch „neue
Instrumente“ perfektioniert. Vivento wird ab 1.1.2009 durch eine neue
Gesellschaft ersetzt, die KollegInnen auf dem Weg in die
Arbeitslosigkeit zwischenlagert. Die ver.di-Führung akzeptiert die
gängige Praxis, dass Zehntausende so unter Druck gesetzt werden, dass
sie „freiwillig“ gehen. Die Lohnabsenkungen, Samstagsarbeit,
Versetzungen an einen anderen Ort und der früher oder später
stattfindende Verkauf der Servicegesellschaften erhöhen den Druck auf
die KollegInnen „freiwillig“ zu gehen. Kolleginnen werden vor die
Alternative gestellt, spätestens 2010 entlassen zu werden oder jetzt mit
einer Abfindung zu gehen. Es ist völlig unehrlich, wenn die
ver.di-Führung 4.150 Neueinstellungen bis 2009 als Erfolg verkauft. Denn
es bedeutet, dass mindestens mehr als 5.000 ältere und noch besser
bezahlte ältere KollegInnen rausgemobbt werden, um sie durch billige
junge zu ersetzen. Mehr oder weniger direkt beinhaltet der Tarifvertrag
die Schließung von Standorten (Anhang 3). Für den Fall wird
„grundsätzlich eine Migration der Beschäftigten an den neuen Standort
angestrebt“. Damit erhält die Telekom ein weiteres wichtiges Instrument
KollegInnen aus dem Betrieb zu drängen. Wer die Versetzung an einen
anderen Standort nicht mitmacht, kann gehen.
„Wir werden die Auslagerung zu verhindern wissen“.
Streikleiter Ado Wilhelm. Spiegel online 22.2.07
„Wir wissen, dass die Ausgliederung wohl nicht mehr zu
vermeiden sein wird.“ Ado Wilhelm, Spiegel online 9.5.07
Hochpolitische Auseinandersetzung
Im Kern ging es bei der Telekom um eine hochpolitische
Auseinandersetzung. Zum einen wegen des Modellcharakters für die
Aushebelung bestehender Tarifverträge durch Ausgründung. Zum zweiten
ging es um die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung um die
Arbeitszeit. Zum dritten weil die Bundesregierung mit mehr als 32
Prozent Aktienanteil Hauptaktionär ist und in diesem Fall – vertreten
durch SPD-Politiker im Aufsichtsrat der Telekom – als Arbeitgeber die
führende Rolle innehatte. Und zum vierten hat der Kahlschlag bei der
Telekom gravierende Auswirkungen auf die Sozialversicherungssysteme. Mit
dem Abbau von 32.000 Beschäftigten bis Ende 2008 sollen 1,7 Milliarden
Euro Personalkosten gekürzt werden. Die mit dem Tarifabschluss
eingeläutete Kürzungsrunde soll noch mal 900 Millionen bringen.
Personalkostenkürzungen von 2,6 Milliarden Euro bedeuten mindestens eine
Milliarde Einnahmeausfälle für die Renten- und Krankenkassen. Von den
Steuern ganz abgesehen. Diese Kürzungen werden wiederum als Kürzungen an
alle abhängig Beschäftigten weitergegeben. Die politische Dimension
dieser Auseinandersetzung wurde von der ver.di-Führung allenfalls verbal
gestreift, aber an keiner Stelle genutzt, um den Streik entsprechend zu
politisieren und zu einem grundsätzlichen Konflikt zwischen abhängig
Beschäftigten auf der einen Seite und einem Großkonzern und seiner
hinter ihm stehenden Bundesregierung zu machen. Erst recht wollten
Bsirske und Schröder keinen Konflikt geschweige denn den überfälligen
Bruch mit der SPD.
Zum Verzichten brauchen wir keine Gewerkschaft
Für die Niederlage bei der Telekom und die enorme Schwächung der
Kampfkraft durch die weitere Zerschlagung des Konzerns trägt allein die
ver.di-Führung die Verantwortung. Mit ihrer Politik fortgesetzter
Zugeständnisse und der Akzeptanz von 18 Umstrukturierungen und allen
bisherigen Ausgründungen, hat sie Obermann zur Provokation der
Ausgründung von 50.000 ermutigt. Mit Absenkungstarifverträgen auf die
von der Telekom gewünschten Billiglöhne bei Vivento und T-Mobile sind
Bsirske, Schröder und Wilhelm mit verantwortlich dafür, dass es der
Telekom rein rechtlich möglich ist Beschäftigte in diese tariflichen
Geltungsbereiche zu überführen.
Immer wieder haben Gewerkschaftsfunktionäre am Anfang der
Auseinandersetzung betont, dass es um eine Grundsatzauseinandersetzung
für alle Beschäftigten und die Gewerkschaften insgesamt ginge.
Tarifflucht durch Ausgründung würde Schule machen, wenn die Telekom mit
ihren Plänen durchkomme. Aber von Seiten der ver.di-Führung wurde alles
andere als ein Grundsatzkampf geführt. Die Ausgründung wurde von Anfang
akzeptiert. Es ging nur noch um die Bedingungen. Anstatt die horrende
Gewinne und Aktienausschüttungen mit Gegenforderungen zugunsten der
Beschäftigten zu kontern, bot die ver.di-Führung sofort weitere
Zugeständnisse an und erhöhte sie im Laufe der Auseinandersetzung
ständig: Arbeitszeitflexibilisierung durch Langzeitkonten, Akzeptanz des
Abbaus von 32.000 Arbeitsplätzen bis Ende 2008, stärkere
Variabilisierung des Lohns. Nach der kämpferischen Demo von 13.000 am
28.2. in Bonn ließ man mehr als zwei Monate verstreichen bis zur
Urabstimmung. Damit ließ man Obermann Zeit um vollendete Tatsachen zu
schaffen. So konnte er Ende März widerstandslos zum 1. Mai fünf
Call-Center mit 1.300 Beschäftigten an Bertelsmann verkaufen.
Streik auf Sparflamme
Nur 10 Prozent der Telekom-Belegschaft wurden in den Streik einbezogen.
Die KollegInnen bei T-Systems, die aktuell mit Arbeitsplatzabbau, einer
weiteren Zerlegung und dem Verkauf bedroht sind, wurden und werden mit
ihren Ängsten allein gelassen, anstatt sie in den Streik mit
einzubeziehen. Und mehr noch, alle KollegInnen müssen wegen des
Abschlusses zu T-Servie eine Nullrunde hinnehmen. Die ver.di-Führung
behauptet, in den anderen Telekom-Betrieben hätte es „umfassende
Friedenspflichten“ (Bsirske) gegeben. Nicht mal das stimmt. Bei der VTS
gab es im Februar 2007 noch immer keine Einigung für die Tarifrunde
2006. Die Verhandlungen hätten von ver.di für gescheitert erklärt und
der Streik ganz legal ausgedehnt werden können. Und auch bei T-Systems
gab es Tarifverhandlungen (TV Sonderregelung T-Systems BS-to-ES, TV
Schichtdienst). Hier wurde im April die Friedenspflicht durch einen
Abschluss, der u.a. die Rückkehr zur 38-Stunden-Woche beinhaltet,
hergestellt bzw. beim Schichtdienst die Verhandlungen auf den
St.Nimmerleinstag vertagt, so dass der Telekom-Vorstand in Ruhe abwarten
kann, wie die Bedingungen bei T-Service ausfallen. Hätte ver.di einen
Konzerntarifvertrag gefordert, hätten alle Telekomler zum Streik
aufgerufen werden können. Der wirtschaftliche und politische Druck hätte
um ein Vielfaches erhöht werden können. Am 20.6. erging sogar ein Urteil
des Bundesarbeitsgerichts, das Solidaritätsstreiks legalisierte. Diesen
Gerichtserfolg hätte ver.di sofort in die Tat umsetzen können. Alle
Telekomler, die den Streik nicht teilen durften werden die Niederlage
teilen müssen. Die ver.di-Führung verschweigt diese Perspektive. Das
Management der Telekom wird die Absenkungen nutzen, um für alle anderen
KollegInnen die Bedingungen zu verschlechtern. Das geht jetzt ganz
einfach. Man überführt einfach weitere Bereiche zum Beispiel von
T-Systems in die Servicegesellschaften.
Aus einer Rede von Lucy Redler bei bei einer Streikkundgebung vor
dem Berliner Rathaus am 16.5. Lucy Redler ist Mitglied in der
SAV-Bundesleitung und im Vorstand der BASG – Berliner Alternative für
Solidarität und Gegenwehr (Nachfolgeorganisation der WASG Berlin):
"Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich weiß, dass die Privatisierung
der Telekom zu enormen Verschlechterungen geführt hat. Die da oben
versuchen euch gegeneinander auszuspielen. Aber wann wenn nicht jetzt
habt ihr die Gelegenheit, gemeinsam zu kämpfen und deutlich zu machen:
Ihr seid eine Telekom, ihr seid eine Belegschaft, ihr führt einen Kampf
gegen die Zerschlagung, gegen Ausgründung, Niedriglöhne und Entlassungen
- gemeinsam mit den Beamten. Man muss sich das mal vorstellen: Erst
privatisieren sie den Staatsbetrieb, dann wollen sie trotzdem die
Beamten als Streikbrecher einzusetzen! Dem Hohn scheinen keine Grenzen
gesetzt. Liebe Kollegen und Kolleginnen, von hier sollte das Signal
ausgehen: Wir unterstützen alle Beamten, die sich am Streik beteiligen.
Die Deutsche Postgewerkschaft hat bereits 1986 beschlossen, dass das
Beamtenstreikrecht ggf durch kollektive Arbeitsniederlegungen
durchgesetzt werden muss. Ich sage: was vor 20 Jahren richtig war, ist
heute nicht falsch. Hätten sich Arbeiter immer an bestehende Gesetze
gehalten, gäbe es heute weder Gewerkschaften noch gewerkschaftliche
Rechte. Wann, wenn nicht jetzt, ist es nötig, die volle Kampfkraft in
die Waagschale zu werfen! Wenn Obermann euch den Krieg erklärt, kann es
für niemanden Friedenspflicht geben."
Angezogene Handbremse
Am 19. Mai erklärte Streikleiter Ado Wilhelm gegenüber der Süddeutschen
Zeitung „noch agieren wir moderat“ Man könne die Situation weiter
eskalieren lassen, wenn die „internen Spezialisten streiken, welche bei
komplizierten Problemen die Techniker durch Ratschläge oder eigene
Einsätze unterstützen.“ Am 11.6. wurde die Drohung hinterher geschoben,
dass man „bisher ausgesparte spezielle Geschäftsbereiche“ gezielt
bestreiken und die Telekom „noch stärker wirtschaftlich treffen“ könne.
Anstatt die Drohung wahr zu machen, trat man in Verhandlungen ein und
fuhr den Streik herunter. Es ist überfällig, dass das Beamtenstreikrecht
durch Streik durchgesetzt wird. In staatstragender Manier wurde darauf
verzichtet. Und so waren es die verbeamteten Techniker, die die
Leitungen für die Sprechblasen der Regierungschefs vom G8-Gipfel legen
mussten. Die Trumpfkarte G8-Gipfel bestreiken wurde nicht eingesetzt.
Während des G8-Gipfels hatten wir die Situation, dass 80.000
Demonstranten und 15.000 Blockierer in Heiligendamm und nicht ver.di mit
dem Telekom-Streik, seinen zwei Millionen Mitgliedern und seinem
riesigen Hauptamtlichenapparat als Gegenmacht wahrgenommen wurden. Die
Fünf-Finger-Taktik der Blockierer in Heiligendamm machte bundesweit
Eindruck. Die Streiktaktik von ver.di bei der Telekom erschien als zahm
und ineffektiv.
Aus einem Interview mit dem Fachanwalt für Arbeits- und
Verwaltungsrecht in Wiesbaden, Otto Jäckel, Junge Welt 25.06.07
Ein Grund für den raschen Abbruch des Streiks lag nach Angaben der
Streikleitung in der Tatsache begründet, daß Obermann unbeirrt die
Überleitung der betroffenen Servicekräfte in die neu gegründeten
Gesellschaften verfolgt und eine Fortführung des Streiks über den
Stichtag der Gründung dieser Firmen, den 25. Juni, hinaus schwerwiegende
rechtliche Probleme aufgeworfen hätte. Obermann habe hier, so die
Argumentation, mit einer Art Taschenspielertrick eine Gesetzeslücke
ausgenutzt, und ver.di sei daher ab dem 25. Juni nicht mehr streikfähig
gewesen, weil der Verhandlungspartner abhanden gekommen wäre. Ist diese
Argumentation korrekt?
Zutreffend ist, dass der Vorstand der Telekom AG nach einem Übergang
der 50000 Beschäftigten auf eine oder mehrere Service GmbHs für die
Führung von Tarifverhandlungen nicht mehr zuständig gewesen wäre. Ver.di
hätte sich dann an die Geschäftsführer der Tochtergesellschaften wenden
müssen. Hiergegen hätte es jedoch ein probates Mittel gegeben: den
kollektiven Widerspruch der Betroffenen nach Paragraph 613a BGB. Schon
bei 20000 bis 30000 Widersprüchen wäre der Betriebsübergang geplatzt.
Die Service GmbHs hätten ohne Personal dagestanden. Der Vorstand der
Telekom AG wäre gezwungen gewesen, die Verhandlungen weiterzuführen.
Durch das gemeinsame Vorgehen wären die Beschäftigten vor
betriebsbedingten Kündigungen durch die Telekom AG geschützt gewesen.
Schon das Sammeln von Widersprüchen bei einem Treuhänder hätte
möglicherweise als Drohkulisse ausgereicht. Dieses Vorgehen ist in
anderen Branchen erprobt und bewährt.
Während des Streiks ist eine Diskussion über die Einbeziehung von
Beamten in den Streik als Eskalationsstufe entbrannt. Sind
„Beamtenstreiks“ überhaupt zulässig?
Die Beamten sind durch die Erhöhung ihrer Wochenarbeitszeit um 4
Stunden ohne Lohnausgleich betroffen. Sie hätten von Anfang an in den
Arbeitskampf einbezogen werden können. Dies hätte die Wirkung des
Streiks wesentlich erhöht. Für diejenigen Beamten der ehemaligen
Deutschen Bundespost, die in ihrem Beamtenverhältnis beurlaubt sind, um
mit privaten Arbeitsverträgen bei den Gesellschaften des
Telekom-Konzerns zu arbeiten, hat das Bundesverwaltungsgericht schon in
einem Urteil aus dem Jahr 2000 entschieden, dass ihnen das Streikrecht
zusteht. Für die nicht beurlaubten Beamten ist der Blick offenbar immer
noch auf die Rechtsprechung der deutschen Gerichte fixiert, wonach
Beamten das Streikrecht verwehrt wird. Dies ist jedoch europarechtlich
überholt.
Woran macht sich das fest?
Nach der ständigen Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs sind
einschränkende Regelungen im Öffentlichen Dienst nur für solche
Bediensteten zulässig, die wie etwa die Polizei und das Militär
hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. Auf den formalen Status als Beamter
oder Angestellter kommt es nach diesen Entscheidungen ausdrücklich nicht
an. Im Telekom-Konzern werden jedoch keine hoheitlichen Aufgaben
wahrgenommen und keine Verwaltungsakte erlassen. Es handelt sich um
private Unternehmen. Eine Disziplinarmaßnahme gegen Bedienstete, die
sich noch aus der Zeit der früheren Bundespost im Beamtenverhältnis
befinden, wäre daher unzulässig und würde vor dem EuGH keinen Bestand
haben.
Passiver Streik
Die Streikenden wurden von der zentralen Streikleitung in Passivität
gehalten. In fünf Wochen Streik gab es keine einzige gemeinsame
bundesweite Demonstration. Eine für den 27. Juni in Berlin geplante
Großkundgebung wurde wieder abgesetzt. Es erschien nur eine einzige
Streikzeitung. Die markigen Sprüche von Bsirske und anderen
Spitzenfunktionären über die Solidarität von ganz ver.di entpuppten sich
im Laufe des Streiks als leeres Geschwätz. Die ver.di-Führung tat nichts
um diese Solidarität zu organisieren. Der Tag der Solidarität war
abgesehen von einigen örtlichen Ausnahmen eine Demonstration der
Schwäche. Noch nicht mal mit den mit gleichzeitig in Auseinandersetzung
stehenden Druckern, den KollegInnen im Einzelhandel und der Post wurden
die Kräfte gebündelt. Bis zum Tarifabschluss erklärten
ver.di-Funktionäre unter großem Beifall der Streikenden, dass man bis in
den Herbst oder wenn es sein müsse, „bis Weihnachten“ streiken könnte
und bei einer Ausgliederung der Streik in den neuen Gesellschaften
fortgeführt würde. Dafür wären entsprechende Tarifverträge gekündigt
worden. Nach Abschluss wurde erzählt, man könne bei der Ausgründung
nicht sofort weiterstreiken. Die Tatsache, dass für Die DTAG zum
31.07.07 die Gehaltstarife kündbar sind und dann 70.000 TelekomlerInnen
in einen Arbeitskampf mit einbezogen hätten werden können, ließ man
unter den Tisch fallen. Statt dessen wurde mit dem Abschluß vereinbart,
dass die Tarifrunde 2007 und auch 2008 für die noch nicht ausgegründeten
Bereiche zu einer Nullrunde wird. Trotz der Medienpropaganda von den zu
hohen Löhnen bei der Telekom unterstützten bei allen Umfragen mehr als
75 Prozent der Bevölkerung den Streik. Weder die ver.di- noch die
DGB-Führung haben einen Finger krumm gemacht, um diese Umfragewerte in
aktive Streikunterstützung zu verwandeln. Es gab noch nicht mal eine
öffentliche Kampagne von ver.di in andere Betriebe und in die Stadtteile
hinein. Der Abschluss bei der Telekom ist ein riesiger Ausverkauf durch
die ver.di-Führung, der der Regel folgt, je schlimmer die Angriffe aus
den Chefetagen, je aggressiver der Konkurrenzkampf, desto größer unser
Verrat. Die führenden ver.di-Funktionäre in diesem Streik waren Lothar
Schröder und Ado Wilhelm. Sie sind stellvertretende
Aufsichtsratsvorsitzende bei der Telekom und fühlen sich offensichtlich
den Profitinteressen des Kapitals verpflichtet.
Am 1.6.07 musste Telekom-Vorstandsmitglied Lothar Pauly seinen Hut
nehmen. Laut Zeugenaussagen war er bei Siemens in die Schmiergeldaffäre
verwickelt. Er war 1 ½ Jahre bei der Telekom und bekommt eine Abfindung
von 4,5 Millionen hinterhergeschmissen, obwohl die Staatsanwaltschaft
gegen ihn ermittelt.
Am 11.06. geht durch die Presse, dass der Chef des
Telekom-Großaktionärs Blackstone, Stephen Schwarzman ein Jahresgehalt
von rund 300 Millionen Euro bekommt. D.h. er verdient am Tag mehr als
80.000 Euro oder mehr als das vielfache eines Jahresgehalts der
Telekombeschäftigten.
Diese Meldungen stießen bei Telekomlern und in der Bevölkerung auf
Empörung und hätten von ver.di genutzt werden müssen den Streik zu
verschärfen.
Mut und Ausdauer der Beschäftigten
Immer wieder wird bei Diskussionen in und über die Gewerkschaften
betont, dass die Angriffe von seiten der Unternehmer und der Regierungen
verbunden mit der einschüchternden Wirkung der Massenarbeitslosigkeit
die Gewerkschaften in die Defensive gedrängt hätten. Dies ist eine
völlig einseitige Betrachtung. Denn diese Defensive ist vor allem eine
Folge der Politik der Gewerkschaftsführung.
Auch bei der Telekom haben die Beschäftigten vor allem Angst um ihren
Arbeitsplatz. Aber es war der Punkt erreicht, an dem die
Telekom-Beschäftigten ihre Ängste nicht mehr in sich hineinfraßen,
sondern einen Ausweg im kollektiven Widerstand suchten. Die
Beschäftigten verstanden von Anfang an, dass der Streik nicht wie von
der ver.di-Führung geplant mit einer Minimax-Streiktaktik geführt werden
kann, sondern alle von Anfang unbefristet streiken müssen. Der Streik
hat ansatzweise gezeigt, welche Macht Gewerkschaften haben: ganze
Netzwerke von Firmen sind zusammengebrochen, Telefonkonferenzen in
Unternehmen konnten nicht stattfinden, Umschaltungen zu Anbieterwechsel
fanden nicht statt, gewitterbedingte Störungen wurden nicht behoben. Es
gab keine neuen Anschlüsse. 5.000 Störungsmeldungen blieben unerledigt,
normalerweise sind es 350. Die Erreichbarkeit von Call-Centern sank von
70 auf 15 Prozent. Mit einem Vollstreik bei der gesamten Telekom wäre
schnell die gesamte Wirtschaft massiv beeinträchtigt worden. Rund 160
multinationale Konzernen zählt z.B. die Geschäftskundensparte T-Systems
zu ihren Kunden, darunter Allianz, BASF, DaimlerChrysler, Deutsche Bank
und VW. Der wirtschaftliche Schaden für diese Konzerne und für die
Telekom selbst wäre durch einen Vollstreik teuer geworden. Anstatt den
Streik auszuweiten, wurde er nach fünf Wochen mit der Wiederaufnahme der
Verhandlungen wieder heruntergefahren. Viele Kolleginnen und Kollegen
waren damit zurecht nicht einverstanden. Am 15.6. musste Streikleiter
Ado Wilhelm gegenüber der Presse zugeben, dass es angesichts der Wut der
Beschäftigten schwierig sei, den Streik zurückzufahren. In einigen Orten
ergriffen Streikende und Funktionäre der unteren Ebene die Initiative
für fach- und betriebsübergreifende Protestkundgebungen.
Betriebsversammlungen wurden von den Beschäftigten mitunter genutzt um
Tribunale gegen die Telekom-Oberen zu veranstalten. Die
Einschüchterungsversuche bis hin zu Abmahnungen und Kündigungsdrohungen
bewirkten das Gegenteil. Wut und Kampfbereitschaft wurden gesteigert.
Auch auf die internationale Solidarität konnten die Telekomler bei ihrem
Streik bauen. In Kroatien und bei T-Systems in Frankreich haben
Telekom-Belegschaften Solidaritätsstreiks organisiert. Mit einer
Ausweitung des Streiks hätte es die Chance gegeben, Obermann und Co. in
die Knie zu zwingen. Darauf hat die ver.di-Führung bewusst verzichtet.
Der Abschluss ist ein Schlag ins Gesicht aller streikenden Kolleginnen
und Kollegen und der ver.di-Mitglieder insgesamt.
72,6 Prozent für Annahme?
Bei der Urabstimmung über den Streik vom 7.05. bis 09.05.07 wurden laut
ver.di 22.114 zur Urabstimmung aufgerufen. 93 Prozent haben sich
beteiligt. Bei der Urabstimmung über die Annahme des Ergebnisses spricht
ver.di nur noch von 22.084 abstimmungsberechtigten Mitgliedern und davon
hätten sich 87,5 Prozent beteiligt. 72,6 Prozent hätten „für die Annahme
des Verhandlungsergebnisses“ gestimmt. Das würde heißen, dass sich nur
6,5 Prozent weniger Kolleginnen und Kollegen an der zweiten Urabstimmung
beteiligt hätten. Das ist sehr untypisch und kaum nachvollziehbar.
In einer ähnlichen Situation in der Tarifrunde im öffentlichen Dienst im
Jahr 2000 ist die Beteiligung bei der Urabstimmung über ein viel
kritisiertes Ergebnis, z.B. auf 50 Prozent abgesackt. Genaue Zahlen über
Ja-/Nein-Stimmen, Enthaltungen und ungültige Stimmen wurden für die
Telekom - im Gegensatz zur ersten Abstimmung - nicht veröffentlicht.
Abstimmungsergebnisse über einzelne Streikbetriebe und Regionen
bekanntzugeben hat sich ver.di ohnehin längst abgewöhnt. Um eine
möglichst hohe Zustimmung zu bekommen, wurde der Streik eine Woche vor
der Urabstimmung abgebrochen. Die zentrale Streikleitung signalisierte
damit, dass sie den Streik für beendet sieht und die Zustimmung dafür
verlangt. Durch eine Infotour, in der der Abschluss schöngeredet wurde,
mit Jubelflugblättern in denen das Blaue vom Himmel heruntergelogen
wurde, wurden die Kolleginnen und Kollegen weichgekocht. Und wer sich
davon nicht überzeugen ließ, dem wurde gedroht: „Werden die 25 Prozent
nicht erreicht, ist die Tarifeinigung gescheitert. Das bedeutet
beispielsweise eine unmittelbare Entgeltabsenkung ohne Ausgleiche...“
(ver.di publik Extra zur Urabstimmung) Die Alternative Weiterstreiken
bzw.Wiederaufnahme des Streiks zu einem späteren Zeitpunkt wurde von der
ver.di-Führung gar nicht zugelassen.
Ver.di-Führung braucht Opposition
Der Abschluss bei der Telekom muss von Telekom-KollegInnen,
kämpferischen Vertrauensleuten, BetriebsrätInnen und
JugendvertreterInnenn als ernste Warnung verstanden werden. Es geht
darum die selbstzerstörerische Politik der Gewerkschafstsspitze zu
stoppen. Der Aufbau einer innergewerkschaftlichen organisierten
Opposition stellt sich dringender denn je, nicht nur bei der Telekom,
sondern in ganz ver.di. Wir brauchen eine Gewerkschaft, die sich einzig
und allein an den Interessen ihrer Mitglieder statt an den
Profitinteressen der Aktionäre orientiert. Wir brauchen eine
Gewerkschaft, die Privatisierung, Profitsystem und Konkurrenzkampf
grundsätzlich ablehnt und für die Re-Verstaatlichung der Telekom kämpft.
Mit dem Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di und der
Telekom-Betriebszeitung Magentat gibt es dafür in ver.di einen Ansatz
für eine oppositionelle Strömung, die ausgebaut werden muss.
Aus einer Rede von Lucy Redler bei bei einer Streikkundgebung vor dem
Berliner Rathaus am 16.5. Lucy Redler ist Mitglied in der
SAV-Bundesleitung und im Vorstand der BASG – Berliner Alternative für
Solidarität und Gegenwehr (Nachfolgeorganisation der WASG Berlin).
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich weiß, dass die Privatisierung der
Telekom zu enormen Verschlechterungen geführt hat. Die da oben versuchen
euch gegeneinander auszuspielen. Aber wann wenn nicht jetzt habt ihr die
Gelegenheit, gemeinsam zu kämpfen und deutlich zu machen: Ihr seid eine
Telekom, ihr seid eine Belegschaft, ihr führt einen Kampf gegen die
Zerschlagung, gegen Ausgründung, Niedriglöhne und Entlassungen -
gemeinsam mit den Beamten. Man muss sich das mal vorstellen: Erst
privatisieren sie den Staatsbetrieb, dann wollen sie trotzdem die
Beamten als Streikbrecher einzusetzen! Dem Hohn scheinen keine Grenzen
gesetzt. Liebe Kollegen und Kolleginnen, von hier sollte das Signal
ausgehen: Wir unterstützen alle Beamten, die sich am Streik beteiligen.
Die Deutsche Postgewerkschaft hat bereits 1986 beschlossen, dass das
Beamtenstreikrecht ggf durch kollektive Arbeitsniederlegungen
durchgesetzt werden muss. Ich sage: was vor 20 Jahren richtig war, ist
heute nicht falsch. Hätten sich Arbeiter immer an bestehende Gesetze
gehalten, gäbe es heute weder Gewerkschaften noch gewerkschaftliche
Rechte. Wann, wenn nicht jetzt, ist es nötig, die volle Kampfkraft in
die Waagschale zu werfen! Wenn Obermann euch den Krieg erklärt, kann es
für niemanden Friedenspflicht geben.
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