Radfabrik besetzt
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 15.07.2007
Mit einer Betriebsbesetzung wehrt sich die 135köpfige Belegschaft des
zur Lone-Star-Gruppe gehörenden Fahrradherstellers Bike-Systems im
thüringischen Nordhausen gegen die Schließung.
von Daniel Behruzi,
zuerst erschienen in der jungen Welt, 13.7.07
Bereits zum 30. Juni war die Produktion nach kurzfristiger Ankündigung
eingestellt worden. Kündigungen wurden wegen anstehender Verhandlungen
mit dem Betriebsrat über einen sogenannten Interessenausgleich und
Sozialplan allerdings bislang nicht ausgesprochen.
»Nachdem die Belegschaft auf einer Betriebsversammlung am Dienstag über
die Situation informiert wurde, hat sie sich spontan entschlossen, das
Werksgelände nicht mehr zu verlassen und den Betrieb besetzt zu halten«,
berichtete der Rechtsanwalt des Betriebsrats, Jürgen Metz, am Donnerstag
auf jW-Nachfrage. Seither seien die Beschäftigten rund um die Uhr vor
Ort. Astrid Schwarz-Zaplinski, Erste Bevollmächtigte der örtlichen IG
Metall, sagte gegenüber jW: »Ich bin davon überzeugt, daß die
Kolleginnen und Kollegen so lange ausharren werden, bis eine
perspektivgebende Lösung gefunden ist.«
Das Unternehmen werde auf Betreiben des US-Finanzinvestors Lone Star
»ausgeschlachtet«, erklärte die Gewerkschafterin. Der sonst auf den Kauf
und das Eintreiben »fauler Kredite« spezialisierte Investmentfonds hatte
die Biria AG, zu der neben dem Standort in Nordhausen auch ein Werk im
sächsischen Neukirch gehörte, 2005 übernommen. In Sachsen wurde die
Produktion bereits Ende 2006 eingestellt. Mehr als 200 Arbeiter verloren
ihren Job und sind für ein Jahr in einer »Beschäftigungsgesellschaft«
angestellt. »In Neukirch ist genau dasselbe gelaufen wie jetzt in
Nordhausen«, kommentierte Andre Koglien von der IG Metall Bautzen im
jW-Gespräch. »Lone Star hat sich beim direkten Konkurrenten MIFA im
sachsen-anhaltinischen Sangerhausen eingekauft und macht jetzt die
Biria-Betriebe platt«, so der Gewerkschafter weiter. Die Patente und
Hauptkunden des Werks in Neukirch seien an MIFA verkauft worden.
Das gleiche Bild in Nordhausen: »Die angeblichen wirtschaftlichen Gründe
für die Schließung wurden über ein Jahr lang selbst organisiert – alle
Aufträge wurden an MIFA gegeben, so daß hier nur noch Lohnfertigung
stattfand«, erklärte Rechtsanwalt Metz. In Nordhausen sei nur noch im
Auftrag von MIFA gefertigt worden, die auch die Einzelteile lieferte.
»Nachdem das Unternehmen jetzt entwertet ist, wird der lästige
Konkurrent der MIFA auf Kosten der Arbeitnehmer platt gemacht«, so die
IG Metall. Dabei hatten die Beschäftigten seit 2004 auf fünf Prozent
ihrer Einkommen verzichtet, »immer unter Maßgabe des Erhalts der
Arbeitsplätze«, wie Metz betonte. Betriebsbedingte Kündigungen seien bis
Ende 2007 ausgeschlossen. Wenn das Unternehmen insolvent wird, sind die
Jobs trotzdem weg.
Doch das wollen sich die Beschäftigten nicht so einfach gefallen lassen.
Die Belegschaft werde sich »mit allen ihr zur Verfügung stehenden
Mitteln gegen das Diktat der Heuschrecke zur Wehr setzen«, heißt es in
einer Erklärung. Einen ersten Erfolg haben die Beschäftigten bereits
eingefahren. Eine vom Unternehmen beantragte einstweilige Verfügung, mit
der das Management die Räumung des Betriebsgeländes erzwingen wollte,
wurde am Donnerstag vom örtlichen Arbeitsgericht abgewiesen.
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