ERA-Protest: 150 Kollegen bei Betriebsrats-Sprechstunde im Daimler-Werk
Marienfelde
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 12.05.2007
Am 9. Mai 2007 kam es erneut zu Protesten im DaimlerChrysler-Werk
Marienfelde gegen die Einführung neuer Entgelte im Rahmen des
ERA-Tarifvertrags (Entgelt-Rahmen-Abkommen der IG Metall mit den
Metall-Arbeitgebern). 150 Kollegen nutzten die Betriebsratssprechstunde,
um ihren Unmut zu äußern.
Die junge Welt, 11.5., schreibt:
Daimler Berlin: ERA weiterhin in der Kritik
150 Beschäftigte nutzten Betriebsratssprechstunde zum Protest
gegen Lohneinbußen wegen »Tarifreform«
Die seit Wochen andauernden Auseinandersetzung um die Einführung des
Entgelt-Rahmenabkommens (ERA) im DaimlerChrysler-Werk Berlin-Marienfelde
setzen sich fort. In der vergangenen Woche nutzten nach jW-Informationen
rund 150 Beschäftigte eine Sprechstunde des Betriebsrats, um ihren Unmut
über mit der »Tarifreform« verbundene Einkommenseinbußen kundzutun, aber
auch um sich über die Untätigkeit der Beschäftigtenvertretung zu
beschweren.
In einer von den Anwesenden einmütig verabschiedeten Resolution
kritisierten sie, daß die wegen falscher Eingruppierung eingereichten
Reklamationen von der Unternehmensleitung größtenteils abgelehnt worden
seien. »Der Weg, mit Reklamationen das auszubügeln, was uns der
ERA-Tarifvertrag beschert hat, ist gescheitert«, stellten die
Beschäftigten fest. Ihr Fazit: »Die ERA-Einführung muß gestoppt werden.«
Auch die Betriebsratsspitze stand bei der Aktion in der Kritik.
Obwohl rund 1000 Beschäftigte sich kürzlich schriftlich für die
Einberufung einer außerordentlichen Betriebsversammlung ausgesprochen
hatten, lehnt die Mehrheit der Interessenvertretung dies weiterhin ab.
»ERA bei DaimlerChrysler – das ist Lohnraub in großem Stil. Es ist voll
und ganz berechtigt, daß die Kollegen sich dagegen zur Wehr setzen«,
erklärte der oppositionelle Betriebsrat Mustafa Efe gegenüber jW. Die
Betriebsratsmehrheit müsse das Potential für Widerstand gegen die
Unternehmspolitik endlich nutzen, forderte er. ERA sei »Verrat an den
künftigen Generationen«, da Neueingestellte von den schlechteren
Eingruppierungen unmittelbar betroffen seien, kritisierte Efe.
Herbert Wulff
"Aufstehen", ein unregelmäßig erscheinenden Flugblatt von Kollegen
für Kollegen des DaimlerChrysler-Werk Berlin-Marienfelde, berichtet:
"Mustafa Efe, ein kämpferischer Gewerkschafter und Betriebsrat
bei DaimlerChrysler in Marienfelde erklärte dazu gegenüber „Aufstehen“,
„Die Kollegen sind wirklich sauer. ERA bei DaimlerChrysler – das ist
Lohnraub im großen Stil. Gut, dass die Kollegen etwa dagegen tun.“
Hier zunächst der Bericht eines Kollegen von der gestrigen
ERA-Sprechstunde des Betriebsrats, sowie die dort verabschiedete
Resolution, darunter folgt eine Erläuterung der Probleme, die die
Kollegen mit ERA haben.
DaimlerChrysler Marienfelde: Rund 150 Kollegen protestieren gegen ERA
Bericht eines Kollegen:
„Heute (9. Mai) haben zum Schichtwechsel ca. 150 Kollegen trotz
massiver Einschüchterung durch die Unternehmensseite an einer
selbständigen Protestaktion gegen die Einführung des ERA-Tarifvertrags
teilgenommen. Die Personalabteilung hatte bereits am vorangegangenen
Abend eine E-Mail an alle Meister versandt, in der sie von den
Führungskräften verlangten, die Kollegen an ihrem Recht auf Information
zu hindern. Vielen Kollegen ließen sich davon nicht einschüchtern und
gingen geschlossen zur ERA-Sprechstunde.
Die gesamte Betriebsratsführung hielt es nicht für nötig, an der
Aktion der Kollegen teilzunehmen und hatte vorher das
Betriebsratsgebäude verlassen. Das wurde von den anwesenden Kollegen
massiv kritisiert.
Es gab eine lebendige Diskussion. Kollegen forderten die Durchführung
der schon vor langer Zeit beim Betriebsrat beantragten außerordentlichen
Betriebsversammlung.
Die Kollegen haben noch einmal die Verschlechterungen durch die ERA
Einführung erläutert. Viele hatten Schilder gemalt auf denen Forderungen
standen wie „ERA muss Weg!“ , ERA ist Lohnraub!“ oder Schilder mit der
Höhe der Ausgleichszahlungen die sie erhalten, damit sie auf ihren
bisherigen Lohn kommen.
Den anwesenden Kollegen war bewusst, dass die Unternehmensleitung den
Lohnraub organisiert. Es wurde aber zu Recht auch der Betriebsrat
aufgrund seiner Haltung kritisiert. Viele machten klar, dass sie das
Vertrauen in den Betriebsrat verloren haben und forderten Neuwahlen. Es
wurde ein Resolution einstimmig verabschiedet die den sofortigen Stopp
der ERA-Einführung forderte und zu wöchentlichen Protesten aufrief, bis
die Außerordentliche Betriebsversammlung einberufen wird.“
Resolution von Beschäftigten bei DaimlerChrysler Berlin, 9. Mai 07
„Wir die Kollegen, die sich getroffen haben, um gemeinsam die
Sprechstunde des Betriebsrats zu nutzen, erklären:
Wir haben in unserer Entgeltabrechnung Schwarz auf Weiß nach Hause
geschickt bekommen, um welchen Betrag unsere Löhne in Zukunft abgesenkt
werden sollen. Die neu eingestellten Kollegen arbeiten in Zukunft für
einen wesentlich niedrigeren Lohn als wir. Die meisten Kollegen in der
Produktion kommen nur mit hohen Ausgleichszahlungen, den so genannten
TIB, auf ihren alten Lohn.
Das können wir nicht akzeptieren!
Solange nur ein Kollege durch ERA in Zukunft auch nur einen Cent
weniger bekommen soll, werden wir uns zur Wehr setzen!
Die ERA Einführung muss gestoppt werden!
Der Weg mit Reklamationen das auszubügeln, was uns der ERA
Tarifvertrag beschert hat, ist gescheitert!
Die meisten Reklamationen wurden von der Unternehmensleitung
abgelehnt.
Wir sind bereit für die Verteidigung unserer Löhne zu kämpfen!
Es wurde in unserem Werk fast 1000 Unterschriften für die
Durchführung einer außerordentlichen Betriebsversammlung gesammelt. Bis
heute wurde sie nicht durchgeführt.
Wir fordern, dass sie nächst Woche einberufen wird. Bis sie
einberufen wird schlagen wir vor:
Wir treffen uns jeden Mittwoch um 14:00 um gemeinsam die Sprechstunde
des Betriebsrats zu besuchen!“
Zum Hintergrund
Ungehalten äußern sich die Kollegen über die ERA-Einführung vor allem
wegen der Unsicherheit mit „TIB“ und wegen der Spaltung der Belegschaft
und daraus drohenden zukünftigen Absenkungsversuche der Löhne durch den
Arbeitgeber.
Was ist „TIB“? TIB, Tariflicher Individueller
Besitzstand, bezeichnet den Lohnbestandteil, den zahlreiche Kollegen
seit diesem Monat erhalten, um die durch ERA abgesenkten Löhne auf das
bisherige Niveau zu heben, das heißt den bisherigen Besitzstand zu
wahren.
Ein Beispiel: Erhielt ein Kollege bisher 3.223,58 Euro brutto gemäß
der Daimler-Eingruppierung „29 Arbeitswerte“ und er kommt nach der
ERA-Einführung in die Entgeltgruppe 6, so bekäme er laut ERA 2.588,40
Euro brutto. Um seinen individuellen Besitzstand zu wahren, erhält er
ein TIB von 635,18 Euro.
TIB ist unsicher. Zwar wird behauptet, das bisherige Gehalt
für die nächsten 5 Jahre (bis 2011) bei DaimlerChrysler sei garantiert,
doch das TIB kann abgesenkt werden:
Nach 2011 sollen die „Nominal-Löhne“ nicht sinken – die Real-Löhne
schon: Zukünftige Tariferhöhungen können mit dem TIB teilweise
verrechnet werden. Sollte sich der „Operating Profit“ von
DaimlerChrysler schlechter entwickeln, kann dies schon vor 2011
geschehen.
Wer die Tätigkeit wechselt und mehr Lohn erhalten müsste, bekommt nur
einen Teil davon: Die Hälfte des TIB kann damit verrechnet werden.
Die Belegschaft wird gespalten: Die Neueingestellten erhalten
deutlich weniger Gehalt; die Belegschaft wird weiter gespalten.
Neueingestellte bekommen keinerlei TIB, sie bekommen statt 10%
betriebliches Grundentgelt nur 4% übertarifliche Zulage, betriebliches
Leistungsentgelt (etwa 6,7% des Grundentgelts) bekommen sie auch nicht.
Die Jungen landen sowieso erst mal in DC Move.
Besonders die alten und nicht mehr so leistungsfähigen Kollegen
müssen oft ein hohes TIB hinnehmen – und damit größere Unsicherheit.
Ihre Arbeitsplätze wurden schlechter beschrieben und schlechter
bewertet.
Woher kommt der Unmut gegenüber dem Betriebsrat? Die
Betriebsratsmehrheit zog den Unmut der Kollegen auf sich, da sie einen
von über einem Viertel der Belegschaft unterzeichneten Antrag zur
Einberufung einer außerordentlichen Betriebsversammlung zum Thema ERA
überging. Eine Durchführung einer außerordentlichen Betriebsversammlung
ist gemäß Betriebsverfassungsgesetz in diesem Fall zwingend
vorgeschrieben ist."
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