GEW NRW: Erfolg für kämpferische GewerkschafterInnen
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 03.05.2007
Auf dem Landesgewerkschaftstag der nordrhein-westfälischen GEW (26.-28.
April 2007) findet Antrag zur Wiederherstellung des alten BAT große
Mehrheit! Persönliche Erklärung junger Delegierter fordert darüber
hinaus Ausladung etablierter Parteien bei künftigen Gewerkschaftstagen.
von Max Höhe, Köln
Vier Tage vor dem traditionellen Kampftag der Arbeiterklasse am 1. Mai
kam der alle anderthalb Jahre stattfindende Landesgewerkschaftstag der
NRW-GEW in Bochum zusammen. Gut 400 Delegierte stimmten über mehr als 50
Anträge und Änderungsanträge ab, tauschten Positionen untereinander aus
und hörten sich nicht nur Grußworte von VertreterInnen anderer
Gewerkschaften, sondern auch der Parteien CDU, SPD und Grüne an.
Geballte Ladung Wut gegen CDU, Zwischenrufe und Entsetzen bei SPD
Vor dem Hintergrund, dass mit der Arbeitgeberseite der einschneidende
Absenkungstarifvertrag TV-L für die Landesbeschäftigten abgeschlossen
wurde und gleichzeitig in NRW die Mitbestimmung de facto abgeschafft
wird, redeten wieder einmal Vertreter der etablierten Parteien auf einer
gewerkschaftlichen Veranstaltung und stahlen den KollegInnen die Zeit.
„Glauben Sie mir“, schnarrte CDU-Landtagsfraktionschef Stahl ins
Mikrofon, nachdem ihm die geballte Ladung Wut der Delegierten über die
Bildungs- und Personalvertretungspolitik der schwarz-gelben
Landesregierung entgegengebracht wurde, „ich kenne alle – und ich betone
– alle Argumente aus dieser Richtung. Realisieren sie einfach, Sie haben
nicht die Deutungshoheit in bildungspolitischen Fragen!“ Die
„demokratisch gewählte Landesregierung“ dagegen habe sie... Mit diesem
ironischer Weise nicht ganz unberechtigten aber dennoch unglaublichen
Affront wurden die delegierten KollegInnen abgespeist. Auch beim
Auftritt der SPD-Vertreterin machten die ZuhörerInnen durch Zwischenrufe
und Ausdrücke des Entsetzens z.B. über die Pläne zur Rente mit 67 klar,
was sie von der Kürzungspolitik der letzten Zeit und sämtlicher
etablierter Parteien halten.
Weiter gingen diesbezüglich einzelne KollegInnen, wie die, die am
letzten Tag eine persönliche Erklärung abgaben und sagten, dass sie
motiviert und gestärkt nach Hause fahren wollten, nun aber eher
frustriert seien, da zu wenig Zeit war für inhaltliche Debatten und
stattdessen Altbekanntes und Ausgelatschtes von Parteivertretern Kund
getan werden konnte. Eine schriftlich vorgelegte persönliche Erklärung
von acht jungen Delegierten zog daraus die Konsequenz und forderte,
keine Vertreter der etablierten Parteien mehr zu künftigen
Gewerkschaftstagen einzuladen!
TV-L prägendes Thema des GEWerkschaftstags
Vom ersten Tag an prägten die Auswirkungen des jüngst in Kraft
getretenen TV-L, der den alten und besseren BAT ablöst, die Debatten und
Antragsdiskussionen. Und das, obwohl bei weitem die meisten Delegierten
im Beamtenverhältnis stehen. Ein Zeichen dafür, dass die KollegInnen
verstanden haben, dass ein Angriff auf einen Kollegen ein Angriff auf
alle Beschäftigten bedeutet? Hoffentlich! Die RepräsentantInnen des
mitgliederstärksten Landesverbands der Bildungsgewerkschaft GEW stimmten
jedenfalls direkt am ersten Tag für den Antrag eines jungen Kölner
Delegierten. Damit scheiterte der Versuch, eben diesen Antrag durch
einen vom Landesvorstand gestellten Alternativantrag zu verhindern.
Beschlossener Inhalt: „Für eine ökonomische Gleichstellung der neu im
öffentlichen Dienst Eingestellten [...] durch sofortige
Nachverhandlungen, [...] unmittelbare Vorbereitung auf die neuen
Tarifverhandlungen 2008 einschließlich Info-, Mobilisierungs- und
Kampfmaßnahmen am besten zusammen mit den KollegInnen von den
Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes.“ Der letzte Absatz dieses
Antrags mit dem Betreff „Auswirkungen der neuen Tarifverträge
TV-L/TVÜ-Länder“ wurde am Ende der eine gute dreiviertel Stunde
dauernden Debatte gesondert abgestimmt – und schlussendlich ebenso mit
deutlicher Mehrheit angenommen. Er lautet: „Das Minimalziel muss der
Erhalt der Vergütungsordnung des BAT, die Wiedereinführung der
altersabhängigen Vergütung sowie der Sozialzuschläge sein.“
Signale richtig deuten – und nutzen!
Das alles ist ein Riesenerfolg für die kämpferischen GewerkschafterInnen
– und die von dreistelligen, massiven Einkommensverlusten betroffenen
KollegInnen! Die Frage allerdings ist, welche Mittel die GEW zur
Verfügung hat, die Beschlüsse umzusetzen. In einer Rede eines
Funktionärs hieß es: „Die GEW muss in gewisser Weise erst noch
Gewerkschaft werden“. Die Frage ist, ob die GEW nun die Rolle einer
schlagkräftigen Gewerkschaft einnimmt oder sich weiter der
Verhandlungsführerschaft der ver.di-Bürokratie unterwirft, wie beim TV-L
geschehen? Fest steht, dass die Bochumer Beschlüsse Signalwirkung für
die KollegInnen vor Ort haben. Wir können die Gewerkschaftsspitze nicht
nur der GEW, sondern des gesamten öffentlichen Dienstes nun daran
messen, ob endlich zu aufrichtigen Informationsveranstaltungen,
wirklichen Kampfmaßnahmen und konsequenten Streiks mobilisiert wird.
Auf dass aus einer demobilisierenden apathischen Haltung der
Gewerkschaftsspitzen lautes Aufbegehren der KollegInnen vor Ort und ein
aktiver Kampf für Verbesserungen wird. Seit dem Gewerkschaftstag des
nordrhein-westfälischen Landesverbands ist Streik kein Fremdwort mehr in
der GEW, die bisher äußerst selten mit dieser Art
politisch-betrieblicher Vorgehensweise zu tun hatte. Und spätestens im
Streik muss dann endlich grundsätzlich diskutiert werden, damit auch
Begriffe wie Antikapitalismus und Sozialismus keine Fremdworte mehr sind.
Der Antrag im Wortlaut:
"A9 Betreff: Auswirkungen der neuen Tarifverträge TV-L/TVÜ-Länder
Der Gewerkschaftstag 2007 der GEW NRW möge beschließen, dass die GEW NRW
für eine ökonomische Gleichstellung der neu im öffentlichen Dienst
Eingestellten initiativ wird. Dies soll geschehen
- durch sofortige Nachverhandlungen zum TV-L mit der Arbeitgeberseite,
- durch landesweit einzuberufende Informationsveranstaltungen für
werdende und bereits eingestellte LehrerInnen,
- durch Erhöhung des politischen Drucks,
- durch unmittelbare Vorbereitung auf die neuen Tarifverhandlungen 2008
einschließlich Info-, Mobilisierungs- und Kampfmaßnahmen am besten
zusammen mit den KollegInnen von den Gewerkschaften des öffentlichen
Dienstes.
Das Minimalziel muss der Erhalt der Vergütungsordnung des BAT, die
Wiedereinführung der altersabhängigen Vergütung sowie der
Sozialzuschläge sein.
Begründung:
Seit Ende September 2006 hat sich in NRW die Zukunftsperspektive von
noch im Referendariat befindlichen KollegInnen dramatisch verschlechtert.
Die vorzeitige Aufhebung des Mangelfacherlasses und damit das Wegfallen
der Aussicht auf Verbeamtung ist ein Grund dafür. Der andere ist, dass
wegen des am 1. November 2006 in Kraft getretenen TV-L den neu
eingestellten LehrerInnen im Angestelltenverhältnis bis zu 25 Prozent
Einkommensverlust gegenüber dem alten BAT und bis zu 35 Prozent
Einkommensverluste gegenüber verbeamteten KollegInnen drohen. Es geht um
bis zu 900,- EUR des monatlichen Netto-Einkommens!
Diese Neuerungen haben bereits dazu geführt, dass LerhamtsanwärterInnen
ihr Referendariat vorzeitig beendeten.
Aber auch bereits im Angestelltenverhältnis befindliche KollegInnen sind
betroffen, wenn sich an ihren Vertragsmodalitäten etwas ändert (z.B.
befristete Verträge). Zudem werden alle mit den Einkommenseinbußen
konfrontiert, die nach dem Vorbereitungsdienst zunächst eine
Vertretungsstelle im Angestelltenverhältnis (z.B. EZU) antreten und
nicht verbeamtet werden.
Eine kämpferische Basis für diesen Antrag ist seitens der
LehramtsanwärterInnen mobilisierbar. Diese haben schon im Oktober 2006
die "Initiative gegen die massiven Verschlechterungen für neu
eingestellte LehrerInnen im Angestelltenverhältnis in NRW" ins Leben
gerufen und mit Petitionen an den Landtag, einer landesweiten
Unterschriftenkampagne und einem ersten landesweiten Treffen Widerstand
gegen die nicht hinnehmbaren Einkommensverluste organisiert."
Persönliche Stellungnahme
An die Delegierten des Gewerkschaftstags der GEW NRW 2007
An den Landesvorsitz der GEW NRW
Wir fordern: Mehr inhaltliche Debatten. Weniger Polemik!
Für viele von uns war es der erste Gewerkschaftstag. Oft war von uns die
Rede, von der Notwendigkeit mehr junge Mitglieder zu gewinnen.
Wir haben ein Fazit gezogen: Uns kamen während dieses Gewerkschaftstages
inhaltliche Debatten viel zu kurz. Statt dessen konnten wir von
VertreterInnen diverser Parteien altbekannte Positionen dazu anhören -
keine neuen, uns inhaltlich weiterbringenden Positionen, sondern das,
was wir in den Zeitungen schon oft gelesen haben und lesen werden.
Wir wünschen uns von zukünftigen Gewerkschaftstagen:
stärkere inhaltliche Diskussionen und Debatten
die Zeit des Gewerkschaftstages zu nutzen, um Konsequenzen aus
politischen Fehlentscheidungen der Parteien zu ziehen,
und ihnen gegenüber eine eindeutige Position einzunehmen.
Gespräche mit anwesenden Delegierten haben uns darin bestätigt. Wir
fordern das Präsidium auf, ein Meinungsbild zu unserer Position noch auf
diesem Gewerkschaftstag einzuholen. Daraus kann der Vorstand für die
kommenden Gewerkschaftstage Konsequenzen ziehen.
Bochum, den 28. April 2007
Vesna Schmitz (JungeGEW NRW) Delegiertennr. 0056
Dortje Treiber (Stadtverband Köln) Delegiertennr. 0359
Dennis Schneider (LASS NRW) Delegiertennr. 0062
Jan Schröder (JungeGEW Köln, LASS NRW) Delegiertennr. 0374
Tobias Drommler (LASS NRW) Delegiertennr. 0060
Gunther Tappert (LASS NRW) Delegiertennr. 0061
Guido Schönian (JungeGEW Köln) Delegiertennr. 0358
Christian Osinga (LASS NRW) Delegiertennr. 0211
Kontakt zur Jungen GEW Köln über:
info@gew-lass.de und http://jungegew.de/
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