Chile: Mit dem Transantiago vom Regen in die Traufe
[Druckversion] Thema: Mittel- und Süd-Amerika, veröffentlicht: 17.03.2007
In der chilenischen Hauptstadt Santiago ist die Luftverschmutzung seit
Jahrzehnten ein großes Problem. Der öffentliche Transport, zum
übergroßen Teil auf Buslinien beruhend, hat dies in der Vergangenheit
eher verschärft als verringert.
Ein weiterer Nachteil des Bussystems in Santiago war die vollständige
Ausrichtung auf "Marktkräfte", was sich darin widerspiegelte, dass die
einzelnen Fahrer nach Anzahl der Fahrgäste bezahlt wurden - dadurch
hielt sich keiner an Fahrpläne, und es wurde gefahren wie die Henker, um
anderen Fahrern möglichst viele Passagiere wegzuschnappen.
von Johannes Ullrich, Santiago de Chile
Die Lösung soll nun in einem neuen ÖPNV-Systems bestehen, dass Busse und
Metro (die U-Bahn Santiagos, welche bisher hervorragend war) integriert.
Seit Jahren geplant, seit Monaten auf allen Kanälen beworben, verspricht
"Transantiago" einen besseren Transport für alle, basierend auf einer
Art Metrobusnetz, das heißt einige Buslinien, die sogenannten
"Troncales", funktionieren als Rückgrat des Verkehrsnetzes in Regionen
ohne U-Bahn-Anschluss. Die Zubringerbusse zu diesen Metrobussen bleiben
in ihren jeweiligen Stadtbezirken, so dass Passagiere zwar während der
Reise umsteigen müssen, aber theoretisch die einzelnen Busse besser
ausgelastet sind und das System insgesamt flexibler wird. Auch die
Verschmutzung soll geringer werden, da im Falle der Troncales größere
und modernere Busse mit besseren Abgaswerten nach und nach die alten
Busse komplett ersetzen sollen.
Aber was sich seit dem 10. Februar, dem Tag der Einführung des neuen
Systems, hier in Santiago abspielt, ist ein einziges Chaos: Durch den
Wegfall der alten Buslinien, die teilweise durch die ganze Stadt fuhren,
müssen sich Hunderttausende Passagiere neue Wege durch die Stadt suchen,
und in sehr vielen Fällen wurde die Nahanbindung schlicht vergessen.
Wege von weit über einem Kilometer bis zur nächsten Bushaltestelle sind
eher die Regel als die Ausnahme, die Busse zirkulieren in einigen Teilen
extrem unregelmäßig oder in großen Zeitabständen oder beides, und das
Metronetz ist am ersten Schultag nach den Sommerferien (dem 05.03.),
also dem ersten Tag, an dem eine normale Passagierzahl erreicht wurde,
praktisch kollabiert (vor der Einführung des Transantiago war die
höchste an einem Tag gemessene Fahrgastzahl weniger als 1,4 Millionen,
während sie an jenem Montag bei über 2 Millionen lag!!). Zur
Hauptverkehrszeit sind lange Wartezeiten an Bushaltestellen und
U-Bahnhöfen unvermeidbar, und es gibt regelmäßig Unfälle. Gestern erlitt
ein 49jähriger in der Metro einem Herzinfarkt.
Der Grund für diese chaotischen Zustände ist schnell benannt: Entgegen
der offiziellen Propaganda hat man sich während des gesamten Projekts
nicht um die Bevölkerung gekümmert. Es wurden keine Untersuchungen
durchgeführt, wann und wo wieviele Fahrgäste zirkulieren, es wurden
keine Veränderungen an den Fahrplänen der Metro vorgenommen, es wurden
keine Extrawaggons eingesetzt... das einzige, was sich wirklich
verändert hat, ist die Struktur der Betreibergesellschaften des ÖPNV in
Santiago. Es gibt jetzt nicht mehr mehrere hundert Klein- und
Kleinstunternehmern mit oft nur einem einzigen Bus, sondern noch genau
zehn "große Fische", die den Markt unter sich aufteilen, staatliche
Subventionen erhalten und schon angekündigt haben, nach der Schonfrist
für Preiserhöhungen, die bis August diesen Jahres geht, die Fahrpreise
anzuheben.
Die Proteste gegen den "Transantiago" nehmen von Tag zu Tag zu: Seit
Dienstag, dem 6. März, gibt es neben nachmittäglichen Demos im
Stadtzentrum jede Nacht Straßenkämpfe in den Vororten, meist, weil
Protestdemos zu Gefechten zwischen nächtlichen Straßenblockierern und
der Polizei führen. Aktuell wird die Anzahl der nächtlichen
Ausschreitungen in der bürgerlichen Presse mit “über sechs” angegeben.
Gestern wurde ein 15jähriger Passant, der sogar laut Polizeibericht an
den Protesten nicht beteiligt war, von zwei Gummigeschossen schwer
verletzt.
Symptomatisch für die schlechte Qualität des alten Systems ist aber, das
fast keineR sich die alten gelben Busse zurückwünscht. In Diskussionen
auf der Straße sind die Mehrzahl der Leute aufgeschlossen gegenüber
einer Verstaatlichung des ÖPNV. Die chilenische CWI-Sektion Socialismo
Revolucionario (SR) beteiligt sich an den Protesten und interveniert mit
Flugblättern, auf denen zu Protestaktionen aufgerufen wird und unsere
Forderung nach Verstaatlichung des ÖPNV präsentiert wird. Und sogar die
hiesigen bürgerlichen Politiker sind sich einig, dass spätestens im
Winter – also ab Juni – die Transportsituation deutlich besser werden
muss, weil sonst “die soziale Lage eskalieren könnte”.
Die Regierung Bachelet hat einige "Sofortmaβnahmen" beschlossen, die
aber zum Groβteil aus Altbekanntem bestehen, welche entweder von den
privaten Betreiberfirmen bisher nicht erfüllt wurden oder die im Laufe
der Verbürokratisierung und zunehmenden Vetternwirtschaft des Projektes
fallengelassen wurden. Beispiele hierfür sind die natürlich glorreich
gescheiterte Installierung von supermoderner Software mit
GPS-gesteuerter Fahrplanoptimierung (ähnlich wie das LKW-Maut-Debakel in
Deutschland) sowie die Tatsache, dass am Starttag 10. Februar viel
weniger Busspuren als ursprünglich geplant bereit standen. Aber
immerhin, eine leichte Besserung ist eingetreten - dennoch ist es für
die meisten Passagiere teurer und zeitaufwändiger, zur Arbeit zu kommen,
als vor dem Systemwechsel.
Es haben sich einige Bündnisse und Initiativen gegen den Transantiago
gebildet, die meisten allerdings regional beschränkt (vor allem in den
am meisten betroffenen Außenstadtbezirken wie Peñalolén, San Bernardo
oder Maipú). Eines der breiter orientierten Komitees heißt "Movimiento
por un transporte público y digno" (Bewegung für einen öffentlichen und
(menschen)würdigen Transport) und wird unter anderem von der Bewegung
gegen die Wohnungsmisere "ANDHA - Chile a luchar" und Socialismo
Revolucionario unterstützt. Das Komitee organisierte diesen Dienstag
eine erfolgreiche erste Demonstration im Stadtzentrum mit ca. 1.000
Teilnehmern. Die GenossInnen von SR intervenierten mit einem
aktualisierten Flugblatt, dass konkretere Forderungen wie mehr Busspuren
und kurzfristige Finanzhilfen für die Anschaffung von neuen Bussen
enthält.
Um das Transportproblem in Santiago de Chile wirklich zu lösen, führt
kein Weg an einer Verstaatlichung vorbei. Diese wird aber nur dann
wirklich allen zugute kommen, wenn die neue Betreibergesellschaft
konsequent demokratisch aufgebaut ist, d.h. nicht nur Einbeziehung der
Bevölkerung in die Linienplanung – zum Beispiel durch
Nachbarschaftskomitees -, sondern auch Kontrolle des Transantiago durch
die ArbeiterInnen und Angestellten. Erreicht kann dies aber nur durch
eine Ausweitung der Proteste, indem sich die verschiedenen Initiativen
vernetzen und auch den Schulterschluss mit Gewerkschaften suchen. Als
kurzfristige Maβnahmen hingegen sind sinnvollere Taktzeiten mit weniger
leeren Bussen und U-Bahn-Wagen zu Nebenverkehrszeiten und dafür höhere
Frequenzen im Berufsverkehr, mehr Busspuren und mehr Buslinien in den
Außenbezirken nötig.
|